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Gerd-Lothar Reschke:
Selbsterkenntnis und die Erfahrung der Leere.
Logbuch 3.2006 – 12.2006


Engelsdorfer Verlag,
606 Seiten, 28,00 Euro,
ISBN 978-3-86703-016-8

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Goethe, Faust II: Wie Mephisto das Papiergeld einführt

Vermutlich lernte Goethe bei den Freimaurern, denen er angehörte, das dortige Einweihungswissen von der Geldschöpfung. So gibt es im Drama Faust II eine sehr charakteristische Szene, in der Mephistopheles (also der Teufel) das Papiergeld einführt. Und zwar aufgrund eines Tricks, der nur vorgetäuschten Wert bzw. Reichtum mit tatsächlichem Wert vertauscht und damit einen Weg zum leichten Vergnügen schafft:

Ein solch Papier, an Gold und Perlen Statt,
Ist so bequem, man weiß doch, was man hat;
Man braucht nicht erst zu markten, noch zu tauschen,
Kann sich nach Lust in Lieb' und Wein berauschen.

Schatzkanzler zum Kaiser:

"Gewähre dir das hohe Festvergnügen,
Des Volkes Heil, mit wenig Federzügen."
Du zogst sie rein, dann ward's in dieser Nacht
Durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht.
Damit die Wohltat allen gleich gedeihe,
So stempelten wir gleich die ganze Reihe,
Zehn, Dreißig, Funfzig, Hundert sind parat.
Ihr denkt euch nicht, wie wohl's dem Volke tat.

Der naive Faust, ganz wohlmeinender Idealist, ist nur zu bereit, auf den Trick hereinzufallen:

Das Übermaß der Schätze, das, erstarrt,
In deinen Landen tief im Boden harrt,
Liegt ungenutzt. Der weiteste Gedanke
Ist solchen Reichtums kümmerlichste Schranke;
Die Phantasie, in ihrem höchsten Flug,
Sie strengt sich an und tut sich nie genug.
Doch fassen Geister, würdig, tief zu schauen,
Zum Grenzenlosen grenzenlos Vertrauen.

Statt Wert nur noch Wertversprechung. Ein perfekter Spiegel unseres aktuellen Problems!

So geht dann die Herrschaft auf die Geldmacher über:

Kaiser:

Das hohe Wohl verdankt euch unser Reich;
Wo möglich sei der Lohn dem Dienste gleich.
Vertraut sei euch des Reiches innrer Boden,
Ihr seid der Schätze würdigste Kustoden.
Ihr kennt den weiten, wohlverwahrten Hort,
Und wenn man gräbt, so sei's auf euer Wort.

Nur der Narr durchschaut das Spiel:

Narr:

Ihr spendet Gnaden, gönnt auch mir davon!

Kaiser.

Und lebst du wieder, du vertrinkst sie schon.

Narr:

Die Zauberblätter! ich versteh's nicht recht.

Kaiser:

Das glaub' ich wohl, denn du gebrauchst sie schlecht.

Narr:

Da fallen andere; weiß nicht, was ich tu'.

Kaiser:

Nimm sie nur hin, sie fielen dir ja zu.

Narr:

Fünftausend Kronen wären mir zu Handen!

Mephistopheles:

Zweibeiniger Schlauch, bist wieder auferstanden?

Narr:

Geschieht mir oft, doch nicht so gut als jetzt.

Mephistopheles:

Du freust dich so, daß dich's in Schweiß versetzt.

Narr:

Da seht nur her, ist das wohl Geldes wert?

Mephistopheles:

Du hast dafür, was Schlund und Bauch begehrt.

Narr:

Und kaufen kann ich Acker, Haus und Vieh?

Mephistopheles:

Versteht sich! Biete nur, das fehlt dir nie.

Narr:

Und Schloß, mit Wald und Jagd und Fischbach?

Mephistopheles:

Traun!
Ich möchte dich gestrengen Herrn wohl schaun!

Narr:

Heut abend wieg' ich mich im Grundbesitz! -

Mephistopheles:

Wer zweifelt noch an unsres Narren Witz!

(Hier die relevanten Seiten im Original: Seite 1, Seite 2).


Jedenfalls ist es heute interessant herauszufinden, daß Goethe ein besseres Gespür für den faulen Zauber ungedeckten Geldes hatte als alle heutigen "Wirtschaftsexperten". Hierzu gibt es in Presse.com ein lesenswertes Interview mit dem Schweizer Ökonom Hans-Christoph Binswanger. Bemerkenswert folgender Satz:

Mephisto weiß es offenbar besser als Faust; er sagt: „Auf Vernichtung läuft's hinaus.“

So wieder in jüngerer Zeit, aufgrund eines Gewahrwerdens der Katastrophe: falsche Werte, falsche Vorspiegelungen brechen wie Kartenhäuser zusammen. Und nicht zuletzt tritt dabei die Hohlheit derselben falschen Denkweise offen zutage, die Goethe im Faust II so prägnant getroffen und mit wenigen Worten skizziert hat. Jedenfalls hundertmal genauer und besser als alles, was heute so in den Medien dazu verbrochen wird.

Im Interview kommt aber auch heraus, daß Binswanger dem faulen Zauber, genau wie praktisch alle seine Berufsgenossen, selbst erlegen ist:

Die Idee hinter der Alchemie war es, künstliches Gold herzustellen. Die moderne Alchemie produziert Gold im übertragenen Sinn, sie macht aus Wertlosem Wertvolles. Das Papiergeld wird investiert, wie im fünften Akt von Faust und Mephisto, und wenn es investiert wird, wird auch mehr produziert, es wird nicht inflationär vergeudet, das Papiergeld wird wertvoll und bleibt wertvoll; das ist die heutige Wirtschaft.

Aha, die moderne Alchemie "macht aus Wertlosem Wertvolles", denn "das Papiergeld wird wertvoll und bleibt wertvoll". Ist der Mann nur so beschränkt, daß er das nicht durchschaut, oder vertritt er einfach bloß bestimmte dahinterstehende Interessen? Jedenfalls versucht er uns hier mit dem Geldschöpfungstrick 1 hereinzulegen, benutzt also denselben mephistophelischen Winkelzug, den Goethe in seiner Szene bereits für den aktiv Mitdenken sehr schön anschaulich entlarvt hat.

Ich finde dieses Vexierspiel zwischen echten und nur vorgetäuschten Werten hochinteressant. Da geht es um viel mehr als nur um ökonomische Theorie; es sagt auch etwas über jeden einzelnen Menschen und dessen Charakter aus. Und daß in unserer heutigen modernen Zeit die echten, soliden, ehrlichen Werte höher gehalten würden als zu Goethes Zeit, wird wohl kaum noch einer ernsthaft behaupten. Was Goethe beschreibt, ist gerade die Bereitschaft eines auf oberflächlichen Genuß erpichten Menschenschlags, hohlen Schein über verläßlichen Wert zu stellen und darauf eine ganze Kultur zu gründen. Die natürlich damit auch schon den Keim ihres eigenen Zerfalls in sich trägt.

Für Inhalte, insbesondere Einschätzungen und Empfehlungen, wird trotz sorgfältiger Auswahl keine Haftung übernommen.
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