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Gerd-Lothar Reschke:
Selbsterkenntnis und die Erfahrung der Leere.
Logbuch 3.2006 – 12.2006


Engelsdorfer Verlag,
606 Seiten, 28,00 Euro,
ISBN 978-3-86703-016-8

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Über Borniertheit

Die derzeitige Realitätsverweigerung ist nicht nur am Finanzsektor präsent, sondern spielt auch in vielen anderen Bereichen eine Rolle:
— Planungen in Firmen (linear, wie immer)
— Personal-Einstellungen (nur Jasager, Karrieristen und Konforme)
— Politik (Obrigkeits-Hörigkeit, man glaubt die dreisteten Lügen)

Sobald die derzeitige Kredit-Bubble platzt, wird sich hier vieles ändern. Viele Leute werden sich aber nicht ändern wollen, sondern sehenden Auges untergehen.

Walter K. Eichelburg

Alles kommt wieder

Das Spiel der Geschichte wiederholt sich: Der Bornierte macht sich selbst zum Opfer, indem er auf die Fürsorglichkeit der Obrigkeit und auf die vermeintliche Humanität der pseudopolitischen Cliquen vertraut. Und das Faszinierende: Er merkt gar nicht, daß er das tut. Er hält sich für kritisch, gutinformiert, selbständig und engagiert.

Auf seine vermeintlich viel dümmeren und naiveren Vorväter, die in den 1920er und 1930er Jahren pseudopolitischen Rattenfängern hintergelaufen sind und denen jeden Schwindel ohne weiteres Nachdenken abgekauft haben, schaut er voller Überheblichkeit herab. So etwas könnte ihm natürlich nie passieren! Leben wir doch heute bekanntlich in einer viel "aufgeklärteren" und "besser informierten" Epoche — oder etwa nicht? Nein, genau das tun wir eben nicht! Gerade weil heute so arrogant über frühere Epochen geurteilt wird, ist unsere Zeit noch abgestumpfter und selbstgefälliger als die meisten früheren. Wofür sie natürlich auch wird bezahlen müssen — alles andere wäre ja auch völlig unlogisch und ungerecht!

Und genau deshalb kann man den Bornierten von heute auch so schnell für dumm verkaufen. Mit den perfekt ausgefeilten Methoden unserer Zeit ist das sogar einfacher als jemals zuvor!

Wie sich der Bornierte zum Opfer macht

Gefährlich ist nicht nur die Systemkrise (als sogenannte "Finanzkrise" tituliert), sondern die allgemeine Borniertheit. Zu der einen Krise gesellt sich eine zweite: die Bürgerkrise, die Krise des unmündigen Mitläufers, der sein Leben lang in einer Scheinwelt dahinvegetiert hat und der nicht weiß, daß man sich für die guten Seiten im Leben auch mit ganzer Kraft einsetzen muß — eben weil sie gar nicht so selbstverständlich sind, wie er immer gedacht hat. Kredit (als Schulden), das hat er vielleicht nicht direkt als Geldvergünstigung genommen, aber im übertragenen Sinn, dem Leben gegenüber, da hat er sehr wohl Kredit genommen. Und zwar in vielerlei Hinsicht. In welcher Hinsicht genau, das kommt nun so allmählich heraus.

Borniertheit, das ist, wenn einer meint, die Regierung würde schon für sein Wohlergehen sorgen. Das ist, wie die allermeisten Leute in unserem Land ticken. Angela Ahnungslos wird sich um sie kümmern, und all die Experten wie Minister Steinbrück oder Guttenberg ("Sind das Experten?" muß jeder fragen, der auch noch halbwegs bei Sinnen ist), oder gar die Wirtschaftsbosse und Parteifunktionäre. Hauptsache, einer ist zuständig. Fehlt Geld, dann werden sie es schon beschaffen. Dazu ist der Staat doch da, oder nicht? Die werden es doch nicht dazu kommen lassen, daß es hier eine Katastrophe gibt. Die haben doch alles im Griff — das sieht man schon an der zuversichtlichen Art, mit der die im Fernsehen auftreten.

Und der Staat wird sich sicher auch darum kümmern, daß alle genug zu Essen bekommen. Selbst wenn Geld nichts mehr wert ist und erst die Banken, dann die Geschäfte schließen. Die Regierung hat doch gewiß vorgesorgt, oder nicht? Die haben sicher irgendwo Vorräte. (Haben sie auch: für ein paar Tage gibt es rohes Getreide. Das schmeckt unserem Bornierten sicher gut und macht ihn auf Dauer satt.)

Der Bornierte ist gewohnt, daß seine Verantwortungslosigkeit belohnt wird. Jahrzehntelang ist er von einer Gehirnwäsche, die ihn völlig verblödet hat, zur reinen Konsumhaltung verzogen worden und hat dabei das meiste seines Elans unwiederbringlich eingebüßt. Bisher gab es ja immer noch irgendwo etwas für ihn zu schmarotzen.

Er ist gewohnt, daß es immer auf ihn zuläuft, gerade dann, wenn er nur zuschaut: "Wenn das Geld abgewertet wird, dann werden auch meine Schulden wertlos — wie praktisch!" Oder: " Das Geld kann ruhig wertlos werden — ich habe ja eh' keines!"

Wenn es nichts mehr zu arbeiten gibt, dann wird bestimmt der Wohlfahrtsstaat kommen und ihn über Wasser halten. Dazu ist der doch da, oder nicht? Dann wird es alles noch viel bequemer als bisher: Man hat den ganzen Tag Zeit, genießt das Leben und bekommt trotzdem die fällige Versorgung: Essen, Wohnung, Medizin usw. Wozu also die ganze Aufregung?

Aber was den Bornierten so richtig ärgern kann, das sind die Negativmeldungen und -Kommentare. Das verdirbt ihm die gute Laune. Also ignorieren, wegklicken oder dagegen anargumentieren. Ist doch alles nur künstlich aufgebauscht, pures Gerede. "Wenn ich bloß schon das Wort Krise höre, vergeht mir ganz die Lust!" Dabei ist es doch so: Solange "ich" kein Problem habe, gibt es auch keines.

Die Scheinwirklichkeit des Bornierten

Das Gehirn des Bornierten tickt wie folgt: Er geht immer nach dem äußeren Anschein. Die im Hintergrund wirksamen Mechanismen versteht er nicht und will er auch nicht verstehen. Deshalb ist das Geld- und Finanzsystem auch so gut geeignet, um ihn aufs Kreuz zu legen. Hat der Bankberater eine Krawatte und ein weißes Hemd an, so hält er diesen schon für ehrbar. Tritt ein Pseudopolitiker vor dem Mikrophon bzw. im Fernsehen auf, so kann dieser nur ein ganz großer, wichtiger und besonderer Mensch sein, und was er sagt, das wird ihm auch geglaubt.

Das immer neue Aufnehmen ungedeckter und unbezahlbarer Schulden, die vielen Lügen, die Tricks und Verbrechen, alles, was hinter der scheinbaren Wichtigkeit der Popanze und hinter dem scheinbaren Reichtum der Wohlhabenden und Einflußreichen steckt, kann der Bornierte nicht sehen, und er will es auch gar nicht sehen, weil es seine Faszination für Besonderheit und Exklusivität zunichte macht. Möchte er doch insgeheim auch immer im Rampenlicht der Lügenmedien stehen wie die Berühmten, möchte doch am liebsten genau wie sie täglich hofiert und in geschönter Perspektive fotografiert und gefilmt werden! Wenn er seine Vorbilder so bewundert und anhimmelt, dann kann er ja schlecht gleichzeitig an ihnen zweifeln, und daß es sich meistens um Halunken und Betrüger, wenn nicht um Massenmörder handelt, will er gar nicht erst wissen — das würde ja seine ganzen Illusionen zerstören und ihm die Laune verderben.

Außerdem hat der Bornierte eine große Furcht: mit seiner Sichtweise ganz allein dazustehen, isoliert vom Denken der großen Masse zu sein. Deshalb orientiert er sich immer am Geläufigen und Üblichen, an dem, was die Medien berichten und die Zeitungen schreiben, was Präsidenten, Kanzler und Kirchenfunktionäre sagen. Solange die nicht umschwenken, schwenkt er auch nicht um.

So ist das Falschgeldsystem unserer Zeit, genauso wie das Schulden-Schnellballsystem mit Zinseszins und immer neuen statistischen Steigerungsraten, genannt "Wachstum", für die Beschränktheit und Einfalt des Bornierten wie geschaffen. Solange es funktioniert und für scheinbaren Wohlstand sorgt, ist seine oberflächliche, dumme kleine Wirklichkeit intakt. Etwas anderes will und kann er sich nicht vorstellen. Ihm dünkt: die "Fachleute" werden sich schon was dabei gedacht haben, daß das so ist.

Und das stimmt sogar: Sie haben sich sehr wohl etwas dabei gedacht. Sie wissen nämlich ganz genau, was der Vorteil davon ist, daß es so viele Dumme gibt, die keine Ahnung von den wahren Zusammenhängen haben (und auch nicht haben wollen).

Wer hier bezahlen wird

Dieses ganze Geld, das von den Regierenden täglich neu als Schulden aufgenommen wird — was meinst du wohl, wo das herkommen wird? Von den Regierenden? Vom Staat? Von den Banken?

Wie lange willst du noch warten, bevor du dein Gehirn einschaltest und 1 + 1 zusammenrechnest?

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