Die Falle des Expertentums
Der typische Fehler, der jetzt bei allen Diskussionen ums Geld begangen wird, besteht darin, das Thema unter Verkomplizierungen und abstrakten Theorien zu begraben. Und noch schlimmer ist es, wenn Leute, die das komplizierte Gerede nicht verstehen, einen falschen Respekt vor "Experten" kultivieren, die damit andere zu beeindrucken versuchen. Geld ist keine komplizierte Sache. Nur ein Falschgeldsystem wie das jetzt geltende muß kompliziert und so konstruiert sein, daß es seinen wahren Mechanismus verschleiert — das ist bei allen Tricksystemen und Zauberkunststücken so, die nur dann funktionieren, wenn die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen abgelenkt wird. Ponzi-, Madoff- und alle sonstigen Schneeball- und Pyramidensysteme basieren gerade darauf, daß sie für den einfach Denkenden einen Tick zu raffiniert sind.
Die Theoretiker und "Experten", die Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen lenken dadurch ab, daß sie simple Zusammenhänge wie volle Wertdeckung nicht diskutieren. Was sollte man da auch diskutieren? Wenn eins und eins zwei ist, aber wenn eins eben nur eins und nicht mehr ist, was gibt es da zu diskutieren? Natürlich beeinflußt so eine unverrückbare Tatsache das Leben sehr direkt, und wenn man sie leugnen will, beeinflußt auch das das Leben, aber man kann es eben eine Zeitlang so drehen, daß es so aussieht, als hätte man einen Trick gefunden, diese Tatsache zu übertrumpfen. Dieselben Wissenschaftler und "Experten", die von dieser Einfachheit des Faktischen ablenken (und sich damit in der Regel erst selbst ihre Rolle manifestieren und davon in den Augen anderer dann auf die eine oder andere Weise profitieren — durch Bezahlung, durch Prestige oder durch Macht und Einfluß und scheinbare Wichtigkeit), versteigen sich in höhere Mathematik: Differential- und Integralrechnung, höhere Algebra, abstrakte Logik. Der einfache Bürger, der davor Respekt hat, fängt dann an, deren Jargon zu kopieren und versucht sich wie der Frosch gegenüber dem Ochsen ebenfalls intellektuell aufzublasen, womit er sich nur rettungslos in die verstiegenen Gedankengänge verstrickt.
Das fällt mir bei allen Diskussionen zum Thema Geld auf. Da wurde dann auf einen dieser Experten-Theoretiker, Egon W. Kreutzer, verwiesen, der seit Jahren Seite um Seite übers Thema schreibt und sich eigene Schlußfolgerungen zusammenbraut, die ihm und etlichen anderen dann unumstößlich dünken. Darauf, daß es so etwas wie Gold oder Silber gibt, geht er nicht ein — das wäre ja wohl zu einfach und untergräbt sein Konzept. Um in der Theorie den Anschein einer Wertdeckung erzeugen, müssen umständliche Rechtfertigungen her, die bloß auf Ideen basieren, nicht aber auf konkreten Tatsachen. "Der Nebel um das Geld", nannte das Prof. Bernd Senf sehr treffend, nur um dann selbst ebenfalls wieder mit neuen Theorien und philosophischen Gebäuden den nächsten, bloß etwas anders gearteten Nebel aufzublasen. Um gegen den Zins anzukämpfen, den angeblichen Hauptschuldigen des Systems, müssen Regularien wie (z.B. beim Schwundgeld-Konzept) eine "Umlaufsicherung" her, die dem ganzen Volk als Zwangsmaßnahme überzustülpen wäre, oder die Geldschöpfungsmacht müßte vollends dem Staat überantwortet werden, der damit nach Belieben schalten und walten und sich, je nach dem Wollen seiner machthungrigen Politrepräsentanten, beliebige neue Falschgeldmengen kreieren könnte. Wer wollte nun aber entscheiden, welche dieser theoretischen ökonomischen Glaubensrichtungen die geeignete und erwünschte sei?
Die einfache Erkenntnis wird sofort übergangen, so als gälte sie nichts. Aber eins und eins ist und bleibt zwei — was gibt es da lange zu grübeln und zu denken? Nicht mal eine großartige gesellschaftlich-kulturelle Vision kann man daraus stricken. Die Leute werden den Unterschied gedeckten und ungedeckten Geldes eben selbst, am eigenen Leibe, erfahren müssen, um ihn — in aller Einfachheit und Direktheit, und mit der schockierenden Brisanz und Dynamik dieser Einfachheit! — zu verstehen. Das ist in gewissem Sinne der Vorteil der großen Krise. Sie entlarvt alles Unkonkrete erbarmungslos und mit tiefgreifender Nachhaltigkeit. Da werden dann auch alle Theoriegebäude um abstrakte Geldsysteme verpuffen. Was interessiert die Leute, wenn es ums Faktische geht, noch das Gerede der "Experten"; wer hat dann noch Zeit für Diskussionen über Konzepte?
Auch zu diesem Thema paßt bestens das Märchen bzw. Gleichnis von Hans-Christian Andersen: "Des Kaisers neue Kleider". Sie fingen an, über die Wahrheit zu schweigen, weil sie Angst hatten, "für ihr Amt nicht zu taugen" und zu dumm zu sein. Nur das unschuldige Kind, das noch nicht zu lügen und zu tricksen gelernt hat, sieht, was jeder ebenfalls vor Augen hat, und spricht es aus. — Man braucht nur zu verstehen, was der Unterschied zwischen Wertdeckung und bloß scheinbarem, unechtem Wert ist: Gold/Silber oder Papier — Wahrheit oder Lüge, Versprechen, Vernebelung, komplizierte Theorie. Dieses Gleichnis funktioniert sogar dann, wenn es die Schwindler und Betrüger gar nicht gibt. Der menschliche Wahn aus Eitelkeit, Wichtigtuerei und Gier sorgt schon selbst dafür, daß es zur Täuschung kommt. Die wir jetzt alle erleben. Und die zum Glück auffliegen wird, weil jede Täuschung früher oder später einmal auffliegen muß.
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