Desinformations-Trick (anläßlich Köhler-Rücktritt)
Mit den “Nachrichten” möchte ich mich eigentlich hier in Zukunft weniger beschäftigen. Was da so alles im Mainstream verbrochen wird, ist es wirklich nicht wert, überhaupt erwähnt zu werden. (Heute saß ich im Arzt-Wartezimmer und schaute quer durch die dort liegenden Magazine und Illustrierten. So einen geballten Unsinn und Lügenhaufen habe ich in der Dichte noch nie erlebt. Da stand überall nur Schrott drin — alles nur Phantome aus einer irrealen Propaganda-Scheinwelt, mit der die Menschen nach Strich und Faden in die Irre geführt werden. Nichts an Information, sondern nur Pseudoinformation und Informationsersatz. Man darf das gar nicht anschauen. Wer es dennoch tut, entwürdigt und entwertet bloß sich selbst und macht sich zum Idioten.)
Etwas Aufklärung als “Gegenmittel” kann aber hier doch weiterhin vorkommen. Ich finde die Idee von Lupo Cattivo (oder von A. Wagandt) ganz gut, die typischsten Propagandatricks aufzuschlüsseln; das kann beim einen oder anderen immer mal einen Aha-Effekt auslösen und ihn dann etwas mehr zum autarken Nachdenken bewegen.
Hier als erstes Beispiel:
tagesschau.de bringt anläßlich des Köhler-Rücktritts folgende “Umfrage”:
Der Trick: Man kann nicht wirklich antworten. Sie machen das eigentlich sehr geschickt, weil man ja scheinbar beide Alternativen angeboten bekommt: “ja” oder “nein”. Gehen wird das mal durch:
“Ja”: Ich habe Verständnis. D.h. ich finde seinen (angeblichen) Beweggrund, aufgrund “mangelnden Respekts gegenüber seinem Amt” zurückzutreten, verständlich. D.h. ich stehe auf seiner Seite; ich habe Sympathie für den Mann.
“Nein”: Ich habe kein Verständnis. Will heißen: Er hätte nicht zurücktreten sollen. Der Grund ist nicht ausreichend. Er hätte quasi “durchhalten” und sich gegen die Kritik standfest zeigen sollen.
Die Desinformation besteht darin, sehr geschickt vom eigentlichen Sachverhalt abzulenken, und zwar so total wie bei einem raffinierten Magier- oder Jongleursmanöver. Denn beide Schein-Alternativen drücken ja im Grunde dasselbe Sympathiebekenntnis aus. Eine andere Wahl erhält man gar nicht.
Es gibt aber noch viele andere Möglichkeiten. Von denen hier abgelenkt werden soll. Muß ich die jetzt alle aufzählen? Ich denke, wer das braucht und wem nicht mindestens noch zwei Antworten einfallen (die viel, sehr viel eher zutreffen als die obigen Trickalternativen), der sollte besser meine Webseiten nicht mehr lesen. Er ist hier definitiv fehl am Platze.
Also gut, ich schreibe ausnahmsweise doch noch die Antworten hin, deren Wahrscheinlichkeit (jede für sich ) um etliches höher liegt als die Köder-Formulierungen der Tagesschau:
- Der Mann ahnt den weiteren Ablauf der Kreditkrise voraus und versucht sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen (siehe auch: Link).
- Köhler ist sich seiner schrecklichen Dummheit gewahr geworden, ein eklatant grundgesetzwidriges Denken offen ausgesprochen zu haben, und zugleich der Unmöglichkeit, diesen Makel, der ihm in Zukunft immer angehaftet hätte, wieder loszuwerden.
- Pubertärer Trotz: Er ist tatsächlich eingeschnappt (die extrem schnelle Entscheidung, ohne weiter darüber nachzudenken oder andere Politiker zu Rate zu ziehen, spricht dafür). Er hat schon länger einen Groll angehäuft und will sich nun durch diesen Befreiungsschlag quasi dafür schadlos halten. (Ähnliches persönliches Motiv: verletzte Eitelkeit; das Einsehen, daß er auch als Präsident nicht alles unter allgemeinem Beifall und Bewunderung seines Publikums daherquatschen kann und in einer Verantwortung steht.)
- Köhler hat ja auch schon ganz übel und nachweislich gelogen, indem er Euro-Bailouts für finanzschwache Staaten explizit ausgeschlossen hatte — und nachher genau dazu das entsprechende 750-Milliarden-Bailoutgesetz unterschrieb -> Link1, Link2, das wäre früher oder später auf ihn zurückgefallen. Es könnte ja (obwohl unwahrscheinlich) auch dazu kommen, daß das Bundesverfassungsgericht das von ihm unterzeichnete Gesetz doch noch als gesetzwidrig ablehnt.
- Variante obiger Möglichkeiten: Nach dem Modell des Koch-Rücktritts wird derartigen Figuren klar, daß sich die Schlinge immer enger um ihren Hals zieht, indem sie als Politiker automatisch in eine ausweglose Situation geraten. Statt an “der Macht” zu kleben, ist es einfacher, sich wieder Bewegungsfreiheit zu verschaffen, z.B. durch einen viel besser dotierten Industrie- und/oder Lobby-Pseudojob. Man wäre ja geradezu dumm, das nicht zu tun.
Letzte Anmerkung: ”Verständnis” für solche Figuren hieße ja, daß man diese Popanze überhaupt erst mal ernstzunehmen hätte — was für sich allein gesehen bereits eine Absurdität darstellt. Echtes Verständnis besteht ja gerade darin, sie als das zu durchschauen, was sie sind: Attrappen, Marionetten, aber nur zu bereit, ein Lügenspiel mitzuspielen und sich dabei als Schauspieler ins Rampenlicht zu stellen. Echtes Verständnis würde abgrundtiefe Verachtung bedeuten, abgrundtiefe Verachtung nicht nur derartigen Pseudopolitikern gegenüber, sondern auch jedem obrigkeitshörigen Mitläufer und Deppen gegenüber, der sich von so etwas beeindrucken läßt und den dahinterstehenden Grundwiderspruch mit der faktischen Wahrheit nicht sieht. Denn in solch ein Amt wird ja heutzutage nur gewählt, wer gelernt hat gut zu lügen, und immer wieder nur zu lügen.
Echtes Verständnis heißt, dieses ganze Spiel nüchtern, klar und unbestechlich als genau das zu sehen, was es in Wirklichkeit ist. Einschließlich der Fangfrage, ob man Verständnis für Köhlers Rücktritt hätte. Ja, richtiges Verständnis sollte man haben — und genau das ist es, was die Tagesschau nicht meint und auch noch sehr deutlich zu verhindern versucht.


