Das Thema “Gesellschaft der Lemminge” ist noch bei weitem nicht erledigt

Es geht hier um das Phänomen der Mitläufer. Mitläufer sind praktisch alle “normalen” Menschen. Jugendliche, die sich anpassen, werden ebenfalls nahezu automatisch zu Mitläufern — sie wachsen in eine Gesellschaft von Mitläufern hinein.

Wer nicht Mitläufer ist, fühlt sich schlecht, nämlich einsam, ausgegrenzt, der (erwarteten) Liebe seiner Nächsten entzogen. Hinzu kommt der angenehme Effekt des Sich-selbst-Vergessens in der Masse. Wie Gustave Le Bon längst untersucht hat, verliert der Massenmensch seine Hemmungen und Ängste; die Masse wirkt wie ein Mutterleib, der ihn birgt, und dieses Aufgehen im Ganzen wird fast wie eine Droge empfunden, als scheinbarer Problemlöser.

Zitate aus dem Buch von Le Bon:

In der Masse schwindet die bewußte Persönlichkeit, die Gefühle und Gedanken aller einzelnen sind nach der selben Richtung orientiert. Es bildet sich eine Gemeinschaftsseele, die wohl veränderlich, aber von ganz bestimmter Art ist. Die Gesamtheit ist nun das geworden, was ich als psychologische Masse bezeichnen will. 

Der Mensch war als einzelner vielleicht ein gebildetes Individuum, in der Masse ist er ein Triebwesen, also ein Barbar. Er hat die Unberechenbarkeit, die Heftigkeit, die Wildheit, aber auch die Begeisterung und den Heldenmut … und lässt sich von Worten und Vorstellungen beeinflussen und zu Handlungen verführen, die seine augenscheinlichsten Interessen verletzen.

Nicht das Freiheitsbedürfnis, sondern der Diensteifer herrscht stets in der Massenseele. Ihr Drang, zu gehorchen, ist so groß, daß sie sich jedem, der sich zu ihrem Herrn erklärt, instinktiv unterordnen.

Eine zweite Ursache ist die geistige Übertragung (contagion mentale)… Man muß sie den Erscheinungen hypnotischer Art zuordnen… In der Masse ist jedes Gefühl, jede Handlung übertragbar und zwar in so hohem Grade, dass der einzelne sehr leicht seine persönlichen Wünsche den Gesamtwünschen opfert. 

Das Auftreten besonderer Charaktereigentümlichkeiten der Masse wird durch verschiedene Ursachen bestimmt. Die erste dieser Ursachen besteht darin, dass der einzelne schon durch die Tatsache der Menge ein Gefühl unüberwindlicher Macht erlangt… Er wird dem um so eher nachgeben, als durch die Namenlosigkeit und demnach auch Unverantwortlichkeit der Masse das Verantwortungsgefühl, das die einzelnen stets zurückhält, völlig verschwindet.

So parteilos man sich die Masse auch vorstellt, so befindet sie sich doch meistens in einem Zustand gespannter Erwartung, der die Beeinflussung begünstigt.

In dieser Gesellschaft der Mitläufer ist eines gewiß nicht zu erwarten: daß die Katastrophe der “Loveparade” (auf Deutsch: Liebes-Parade) in Duisburg gewissenhaft und ehrlich aufgearbeitet und reflektiert wird. Nach dem ICE-Unglück von Eschede hatte ich noch angenommen, dieser Typ moderner Verkehrswege würde hinterfragt. Auch viele zerfetzte Schafsleichen, die ein ICE in einem deutschen Tunnel hinterließ, führten zu keiner echten Reflexion. Die Tunnelwände waren voll von Blut; überall zwischen den Gleisen lagen abgerissene Teile von Schafskörpern. Kaum jemand mochte sich solche Bilder anschauen; der Vorfall wurde schnell vergessen. Aber was, wenn irgendwo in Deutschland eine Kuh auf der Trasse steht?

Nach dem WTC-Anschlag von 9/11 hatte ich angenommen, das Konzept derartiger gigantomanischer Hochhäuser, die bei einem Zusammenbrechen viele tausend Menschen in den Tod reißen, würde hinterfragt werden. Inzwischen habe ich mir derartige naive Hoffnungen abgeschminkt. Da wird nie etwas hinterfragt, denn es geht an die Grundlagen dieser modernen Massengesellschaft, in der der einzelne immer weniger zählt und in der sich Individuuen selbst zu kleinen, gläubigen, abgestumpften Mitläufern stempeln — um dann natürlich auch entsprechend behandelt zu werden.

Mit der sogenannten “Finanzkrise” verhält es sich genauso. Der Mitläufer vertraut seinen Politikern, er vertraut dem Falschgeldsystem — einfach weil er der Masse folgt, die wiederum irgendwelchen Leithammeln folgt. Ein anderes Beispiel sind Kriege: die fröhlich feiernden jungen Deutschen, die fahnenschwingend in den ersten Weltkrieg fuhren, als ginge es zur schönsten und großartigsten Erfahrung ihres bisherigen Lebens. Dann wurden sie erbarmungslos niedergemetzelt, so daß ganze Landstriche an der Front an der Marne und bei Verdun rot getränkt von ihrem Blut waren. Dasselbe wieder beim Beginn der Zweiten Weltkriegs — dieselbe Begeisterung, Vorfreude und neugierige Erwartungshaltung. Und am Ende die bekannte Katastrophe der nahezu völligen Vernichtung.

Was die Masse betrifft: Sie lernt nie, auch nicht aus der Geschichte. Wo einem von solchem Lernen erzählt wird und wo einem die Erzieher einzubleuen versuchen, die nächste Generation müsse “wachsamer” und “kritischer” sein, da handelt es sich nur um Augenwischerei und billige Ideologie. Die Masse bleibt immer gleich, so wie ein Raubtier, das neu geboren wird, immer denselben Jagd-Instinkt aufweisen wird.

Der einzige Punkt, an dem etwas anderes passieren kann, ist der einzelne: bist Du selbst. Du mußt wissen, was Du von dieser Masse der Mitläufer zu halten hast; lerne, Dir selbst ein Urteil zu bilden, folge nicht den Idioten, und wenn sie noch so großartige Titel tragen und hohe Posten in der Hierarchie der Mitläufergesellschaft innehaben!

Wende Dich ab, riskiere es, allein zu sein, unabhängig, frei, und halte die dabei sicher hin und wieder in Dir auftretenden Spannungen und Ängste aus! Riskiere, auch dann eine eigene Ansicht zu finden und zu vertreten, wenn 99% der Mitläufer Dich auslachen — so wie es sich immer noch mit dem Thema legales Falschgeld, EURO, US-Dollar und Geldsystem generell verhält, das von den Massenmedien kontinuierlich vor der Aufdeckung bewahrt wird!

Die eigentliche Nagelprobe der Mitläufergesellschaft steht uns allen noch bevor: wenn das herrschende, auf ungedeckten und nie einlösbaren Versprechungen basierende Finanzsystem endgültig seinen Charakter offenbaren wird: nämlich, ein leerer, immer weiter aufgeblasener Luftballon zu sein. Dann werden noch ganz andere Szenen passieren als bei der Loveparade/Liebesparade in Duisburg, und von Vergnügen, Musik, Freude und Ausgelassenheit wird schon ganz zu Beginn keiner mehr sprechen. Aber der Charakter der Masse, diese unbarmherzige Energie einer tödlichen Walze, die jenen niedertritt und plattdrückt, und bei der die Rücksichtslosen die anderen, die Schwächeren und Benachteiligten, skrupellos unter ihre Schuhsohlen treten, wird wieder genau derselbe sein. Es handelt sich hier nun mal um ein Raubtier, und dieses Raubtier kennt weder Mitleid noch Gnade. Es ist besser, sich darüber schon von vornherein im klaren zu sein und sich rechtzeitig darauf einzustellen.

Alles, was die Phantasie der Massen erregt, erscheint in der Form eines packenden, klaren Bildes, das frei ist von jedem Deutungszubehör und nur durch einige wunderbare Tatsachen gestützt: einen großen Sieg, ein großes Wunder, ein großes Verbrechen, eine große Hoffnung.

Alle Gefühle, gute und schlechte, die eine Masse äußert, haben zwei Eigentümlichkeiten; sie sind sehr einfach und sehr überschwenglich.

Der Überschwang der Massen erstreckt sich nur auf die Gefühle und in keiner Weise auf den Verstand. Die Tatsache der bloßen Zugehörigkeit des einzelnen zur Masse bewirkt… eine beträchtliche Senkung der Voraussetzungen seines Verstandes.

Wie in so vielen anderen, nähert sich auch in dieser Beziehung der einzelne, der einer Masse angehört, den primitiven Wesen. Gefühlsabstufungen nicht zugänglich, sieht er die Dinge grob und kennt keine Übergänge.

Es wird weitere Katastrophen geben, schreckliche Katastrophen. Denn der Mitläufer lernt sonst nicht. “Wer nicht hören will, muß fühlen”, heißt das Sprichwort:

Die Erfahrung ist so ziemlich das einzige wirksame Mittel, um der Massenseele eine Wahrheit fest einzupflanzen und zu gefährlich gewordene Täuschungen zu zerstören. Dazu muß die Erfahrung auf einer breiten Grundlage ruhen und oft wiederholt werden.

Die von einer Generation gesammelten Erfahrungen sind im allgemeinen für die folgende nutzlos, darum hat es keinen Zweck, geschichtliche Ereignisse als Beweis anzuführen.

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